Der „Hallenser Innovationszug“

Versuchsfahrzeuge zur Erprobung neuer Einrichtungskonzepte im Nahverkehr

Anlässlich der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover setzte die Deutsche Bahn zwei Innovationszüge zur Erprobung neuer Angebote im Nahverkehr im Großraum Hannover ein. Technisch und optisch basieren diese beiden Züge auf den ab 1998 umgebauten PumA-/Modus-Wagen, unterscheiden sich jedoch aufgrund der unterschiedlichen Spenderfahrzeuge und besonders durch ihre Inneneinrichtung.

Konzept

Nachdem in Zusammenarbeit mit der Fahrzeugtechnik Dessau (FTD), den DB-Ausbesserungswerken Delitzsch und Halberstadt und einigen kleineren Zulieferfirmen ein Konzept ausgearbeitet wurde, wurden 8 Fahrzeuge umgebaut, welche in 2 Wendezügen zu jeweils 4 Wagen eingesetzt werden sollten.

In der 1. Klasse wurden verschiedene Sitzlandschaften vorgesehen. Neben Abteilen und einem Großraum konnte der Fahrgast auch zwischen einer mit großzügigen Sesseln ausgestatteten Lounge wählen, welche es erlaubte, dem Lokführer über die Schulter zu schauen. Im Großraum der 1. Klasse wurden in der Reihenbestuhlung LC-Displays in den Rückseiten der Kopfstützen montiert. In den Wagen der 2. Klasse wurden hingegen Monitore über den Türen zu den Einstiegsräumen eingebaut.

Alle Sitze der 1. Klasse und ausgewählte Sitze der 2. Klasse wurden mit Audiomodulen in den Armstützen versehen, welche den Fahrgästen bis zu 5 verschiedene Audioprogramme boten. Im Jugendwagen wurden Großbildfernseher und eine Spielkonsole installiert. Der gesamte Zug wurde mit einer Videoüberwachungsanlage ausgestattet, welche von mitfahrendem Sicherheitspersonal in einem abgetrennten Raum direkt ausgewertet werden konnte. Im Mehrzweckwagen wurde ein Arbeitsplatz für das Zugpersonal vorgesehen und mit einer Theke ausgestattet.

Die Farbgestaltung ähnelte dem bereits damals gebräuchlichen DBM-Design, weist jedoch einige kleinere Änderungen auf. Anstelle der blau karierten Sitzpolster kamen dunkelblau gestreifte Polster in der 2. Klasse zum Einbau, in der 1. Klasse schwarzes Leder. Sämtliche Holzfurniere fallen deutlich dunkler aus. In den regulären Sitzbereichen finden sich viele Einrichtungskomponenten der Modus-Wagen wieder. Die Außenlackierung erfolgte in Verkehrsrot, der Effekt des durchgehenden Fensterbands wurde lediglich durch eine schwarze Lackierung der Fensterholme realisiert.

Fahrzeuge

Als Spenderfahrzeuge fanden 8 noch unmodernisierte n-Wagen (Silberlinge) der letzten Lieferserie von 1977 bis 1980 der Bauart Bnrz 728.0 Verwendung. Obwohl diese Wagen bereits ab Werk scheibengebremst waren, fand ein Umbau auf Drehgestelle der Bauart GP 200-S statt, welcher sonst nur klotzgebremsten Spenderfahrzeugen vorbehalten war. Die Türen wurden gegen automatische Schwenkschiebertüren getauscht, eine Klimaanlage eingebaut, die Fenster ersetzt und geschlossene WC-Systeme nachgerüstet. Die Steuerwagen wurden mit den von der FTD entwickelten Steuerköpfen ausgestattet, welche zuvor bereits bei den Modus-Wagen und später auch bei den Oberleitungs-Instandhaltungsfahrzeugen der Baureihe 711.1 verwendet wurden. Die unter den Fahrzeugen angebrachten Aggregate wurden mit Schürzen verkleidet.

Für die Videoüberwachung und die Unterhaltungselektronik wurde eine zusätzliche Datenleitung zwischen den Wagen erforderlich, sodass eine Trennung der Züge bzw. ein Einsatz einzelner Wagen nicht sinnvoll war und planmäßig nicht erfolgte.

Die Umbauten erfolgten in den DB-Ausbesserungswerken Delitzsch und Halberstadt, die Abnahme aller Wagen im AW Delitzsch im Mai 2000.

Zwischenwagen Bpz 797.2

Bei diesem Wagen handelt es sich um einen gewöhnlichen Sitzwagen 2. Klasse. Im mittleren Großraum wurde ein Fahrkartenautomat eingebaut. Des Weiteren finden sich in diesem Wagen einige Sitzlandschaften mit Sitzbänken längs zur Fahrtrichtung im mittleren Großraum und im kleinen Großraum am Nichthandbremsende. Am Handbremsende fand sich ein WC.

Zwischenwagen Bpz 797.3

Arbeitstitel „Jugendwagen“

Beide Endgroßräume beherbergen jeweils gewöhnliche Sitzbereiche der 2. Klasse, am Handbremsende fand sich ein WC. Am Nichthandbremsende wurde eine Spielkonsole installiert. Der mittlere Großraum wurde mit Großbildfernsehern und einer Beschallungsanlage versehen und Sitzlandschaften aus teilweise längs zur Fahrtrichtung angeordneten Sitzbänken geschaffen.

Zwischenwagen Bpbdz 798.0

Arbeitstitel „RegioBistro“

Im Steuerwagen findet sich neben der 1. Klasse ein Bistrobereich. Die Einrichtung der 1. Klasse umfasst verschiedene Sitzlandschaften mit einem Großraum, Abteilen und einer Lounge welche sich direkt hinter dem Führerstand befindet und wie die Lounge der moderneren ICE-Züge die Streckensicht erlaubt. Im Gegensatz zu den Modus-Wagen kamen Ledersitze zum Einbau, des Weiteren wurden in den Rückseiten der Kopfstützen LC-Displays zur Fahrgastunterhaltung eingebaut. Im RegioBistro fanden eine mittig angeordnete und von beiden Seiten zugängliche Theke sowie mehrere an den Außenwänden angebrachte Stehtische Platz. Am Wagenübergang ist ein WC angeordnet. Der installierte Steuerkopf aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) führte gegenüber dem Spenderwagen zu einer Verlängerung des Fahrzeugs um 120 mm. Als Besonderheit verfügen die Steuerwagen über nur je einen Einstieg pro Seite.

Zwischenwagen Bpz 797.1 (nicht gebaut)

Für beide Züge war jeweils ein fünfter, als Ruhewagen projektierter Zwischenwagen der Bauart Bpz 797.1 geplant, welcher jedoch nicht gebaut wurde.

Fahrzeugübersicht

Spenderwagen Wagen Abnahme Ausmusterung
50 80 22-34 557-5 Bnrz 728.0 50 80 22-34 557-5 Bpz 797.2 13.05.2000 02.08.2004
50 80 22-34 592-2 Bnrz 728.0 50 80 22-34 592-2 Bpz 797.2 06.05.2000 02.08.2004
50 80 22-34 527-8 Bnrz 728.0 50 80 22-34 527-8 Bpz 797.3 13.05.2000 02.08.2004
50 80 22-34 540-1 Bnrz 728.0 50 80 22-34 540-1 Bpz 797.3 13.05.2000 02.08.2004
50 80 22-34 537-7 Bnrz 728.0 50 80 22-34 537-7 Bpbdz 798.0 06.05.2000 02.08.2004
50 80 22-34 549-2 Bnrz 728.0 50 80 22-34 549-2 Bpbdz 798.0 06.05.2000 02.08.2004
50 80 22-34 580-7 Bnrz 728.0 50 80 80-34 200-1 Apkzf 799.0 06.05.2000 31.12.2004
50 80 22-34 577-3 Bnrz 728.0 50 80 80-34 201-9 Apkzf 799.0 13.05.2000 31.12.2004

Einsatz

Während der Expo 2000 kamen beide Züge auf der Regionalexpress-Linie Braunschweig – Bielefeld zum Einsatz. Üblicherweise wurden die Züge dabei um weitere Nahverkehrswagen verstärkt, in der Regel durch vier weitere n-Wagen, die Traktion erfolgte mit einer der für den Personenzugeinsatz während der Expo mit einem Nahverkehrspaket ausgestatteten Drehstromlok der Baureihe 145.

Nach der Expo wurden beide Züge ab Mai 2001 in Halle an der Saale stationiert und auf der Strecke Halle – Magdeburg im Nahverkehr eingesetzt. Die Bespannung erfolgte mit Elektrolokomotiven der Baureihe 114. Zwischenzeitlich wurden die Züge immer wieder für Präsentations- und Sonderfahrten im gesamten Bundesgebiet genutzt.

Eine Pressemeldung der DB AG vom 04.05.2001:

Deutsche Bahn und das Land Sachsen-Anhalt präsentieren Innovationszug

Visionen für den Regionalverkehr von übermorgen

[Magdeburg, 04. Mai 2001] Die Deutsche Bahn stellt heute, gemeinsam mit Verkehrsminister Dr. Jürgen Heyer und der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH, ihren Innovationszug für den Nahverkehr der Öffentlichkeit in Sachsen-Anhalt vor. Zwei der Innovationszüge werden auf Wunsch der Landesregierung Sachsen-Anhalt und der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH zunächst vom 04. Mai 2001 an auf der Strecke Magdeburg – Halle (Saale) täglich unterwegs sein. „Wir möchten, dass sich die Angebote im Schienenpersonennahverkehr noch stärker an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, die mit der Eisenbahn unterwegs sind“, betonte Dr. Jürgen Heyer anlässlich der Präsentation. „Mit dem jetzt bei uns rollenden Innovationszug können Reisende einen Eindruck gewinnen, wie vielleicht der Nahverkehr von morgen aussieht. Der Zug ist ein Beispiel dafür, wie der Nahverkehr in unserem Land gestaltet werden kann. Und er ist Beleg für das innovative Potential der Schienenverkehrsindustrie in Sachsen-Anhalt“, erläuterte Heyer.

Hinter dem Projekt Innovationszug steht zum einen die Idee eines rollenden „Fahrgastlabors“. Zum anderen wird die Vision eines Nahverkehrszuges vorgestellt, der aus Kundensicht höchste Maßstäbe an Ausstattung und Design des Gesamtzuges stellt. In den beiden Innovationszügen sollen sowohl Sitzelemente für die Innenausstattung als auch elektronische Unterhaltungsmodule sowie moderne Fahrgastinformationssysteme künftiger Nahverkehrszüge auf Praxistauglichkeit durch Kunden getestet werden. Die Innovationszüge bestehen jeweils aus vier Reisezugwagen und einer Lokomotive. Im Innendesign der Züge dominieren Edelstahl und Holz. Bei der Anordnung der Sitze werden neue Varianten getestet. So sind in der 1. Klasse Ledersessel eingebaut und vergleichbar dem ICE können die Reisenden durch eine Glaswand dem Lokomotivführer während der Fahrt „über die Schulter schauen“.

In der 2. Klasse sorgen unter anderem ein Bistro sowie bequeme Sitzgruppen für ein komfortables Reisegefühl. Weiterhin gibt es in einem Reisezugwagen gesonderte Abteile, die viel Raum für Familien mit Kindern bieten und einen besonderen Wagen für Jugendliche. An jeder Zugseite ist an einer Einstiegstür ein Hublift für Rollstuhlfahrer eingebaut. Im Bereich der elektronischen Unterhaltungsmodule können die Kunden mittels touch-screen-Bildschirmen Fahrplanauskünfte abrufen oder auf Großbildschirmen aktuelle Musikvideos sehen und hören. „Bei den eingebauten Elementen sind für uns zwei Dinge entscheidend. Erstens: Wie werden diese aus Kundensicht bewertet und angenommen. Und zweitens: Wie bewähren sich diese Elemente im harten Fahrgastalltag“, machte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn AG, Jobst Paul, noch einmal die mit den Innovationszügen verbundene Idee deutlich. Gleichzeitig fügte er hinzu, dass natürlich mit den beiden Zügen auch Visionen gezeigt werden sollen.

„Wir wollten einmal modellhaft zeigen, was alles im Nahverkehr im Bereich Komfort und innovativer Technik möglich sein könnte“, so Paul weiter. Die Innovationszüge verfügen über elektronische Haltestellenanzeigen. Außerdem ermöglichen Videokameras jederzeit eine Kontrolle des Geschehens in den einzelnen Reisezugwagen. Die Werke Delitzsch und Halberstadt haben diesen Auftrag in einer gut einjährigen Umbauzeit realisiert. Dabei wurden acht ehemalige „Silberlinge“ völlig entkernt und im Innenbereich der Reisezugwagen völlig neu gebaut. Insgesamt hat die Deutsche Bahn in das Projekt rund 25 Millionen DM investiert.

„Deutsche Bahn und das Land Sachsen-Anhalt präsentieren Innovationszug“ auf http://bahn.de/konzern/pv/presse/die_bahn_20010504.shtml, abgerufen über http://web.archive.org/web/20010627102904/http://www.bahn.de/konzern/pv/presse/die_bahn_20010504.shtml, 19.01.2013, 22.00

Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2004 wurden schließlich alle Fahrzeuge abgestellt. Durch dieses zeitlich längste Einsatzgebiet prägte sich der nicht offizielle Name „Hallenser Innovationszug“ ein.

2006 wurden alle Wagen nach zeitweiliger Abstellung nach Rumänien verkauft, wo sie heute, teilweise umgebaut, im Fernverkehr laufen.

Quellenverweis

  • „Bnrzb 728“ In: Eisenbahn Kurier Special 98 3/2010 „Silberlinge – Wagen für 1. Generationen“, S. 50
  • „Driver´s Cabs“ der Fahrzeugtechik Dessau
  • „Reisezugwagen DB Regio“ von Reisezug-Wagen.de im Webarchiv
  • „Die 26,4-m-Wagen der DB AG im Jahr 2004“ In: Eisenbahn Kurier Special 74 3/2004 „Wagen für Europa – Die Geschichte der 26,4-m-Wagen“, S. 80

Letzte Änderung: 21.01.2017